DIE WELT, 9.11.2002,

 

Geschrieben mit Märtyrerblut
Saddam Hussein ruft die arabischen Völker auf, dem Irak zu helfen. Die WELT dokumentiert Auszüge eines Interviews des irakischen Präsidenten mit der ägyptischen Wochenzeitung "Al Usbua"
 
 
Frage: Herr Präsident, glauben Sie, dass der US-Angriff unmittelbar bevorsteht?
 
Saddam Hussein: Psychologisch sind wir darauf eingestellt, dass der Krieg in der nächsten Stunde losbricht. Durch die tagtäglichen Angriffe und Versuche, uns zu schwächen und Zivilisten zu töten, haben die USA erreicht, dass wir uns seit Januar 1991 wie in einem nicht enden wollenden Krieg fühlen. Wir sind also bereit für den Krieg. Aber mit dem Irak wird es anders sein als mit Afghanistan. Das heißt nicht, dass wir stärker sind als die USA. Aber wir vertrauen auf Allah, unser Vaterland und das irakische Volk. Und - das ist wichtig - wir vertrauen auf die arabische Nation. Wir werden dafür sorgen, dass der Krieg kein Picknick für die amerikanischen und britischen Soldaten wird.
 
Frage: Arbeitet die Zeit für oder gegen Sie?
 
Hussein: Die Zeit arbeitet ohne Zweifel für uns. Wir müssen noch etwas Zeit gewinnen, und das amerikanisch-britische Bündnis wird zerbrechen. Dafür wird der Druck der öffentlichen Meinung auf den Straßen Amerikas und Großbritanniens sorgen. Anders als die Regierungen kennen die Völker die Wahrheit und verstehen eher, worum es geht. Die Politiker sind geblendet von den zionistischen Verschwörungen, die von den Medien ausgebrütet werden.
 
Frage: Welche Ziele verfolgen die USA in der Region?
 
Hussein: Die USA wollen eine Hegemonie über die arabische Welt errichten. Als Auftakt wollen sie den Irak beherrschen. Wenn sie Bagdad unter militärischer Kontrolle haben, werden sie gegen Damaskus und Teheran losschlagen. Sie werden diese Länder zerstückeln und dann auch Saudi-Arabien ernste Schwierigkeiten bereiten. Sie werden versuchen, kleine staatliche Einheiten zu schaffen, die von amerikanischen Marionetten regiert werden. Kein Land wird dann noch größer und stärker sein als Israel. Auf diese Weise gerät das arabische Öl unter amerikanische Kontrolle. Dies alles dient israelischen Interessen. Das Ziel besteht darin, Israel zur regionalen Großmacht werden zu lassen. Das Problem des Irak besteht darin, dass er sich diesen Verschwörungen widersetzt. Und die anderen verstehen nicht, dass wir es sind, die sie verteidigen.
 
Frage: Was genau haben die USA mit dem Irak vor?
 
Hussein: Sie wollen einen Irak, der das Zionistengebilde (Israel; d. Red.) und seine Herrschaft über Palästina anerkennt. Außerdem wollen sie einen Irak, der frei ist von panarabischem Denken, einen Irak, der sich mit einer Zerstörung der Arabischen Liga einverstanden erklärt. Und schließlich wollen sie einen unarabischen Irak, der in verschiedene Staaten aufgeteilt ist.
 
Frage: Machen Sie sich Sorgen über die irakischen Oppositionellen, die mit Washington und London gemeinsame Sache machen?
 
Hussein: Die Mitglieder der so genannten Opposition sind Leute ohne Gewissen. Sie verhehlen ja nicht einmal, dass sie Agenten des amerikanischen oder britischen Geheimdienstes sind, dass sie Geld von dort bekommen. Alles in allem ist das in Bagdad eine Gruppe von Menschen, die nicht einmal einen Bus füllen würden.
 
Frage: Wie bewerten Sie die Position der arabischen Länder gegenüber dem Irak?
 
Hussein: Wir verlangen von den arabischen Führern nicht mehr, als sie zu leisten im Stande sind. Ich bin zufrieden mit der Haltung mehrerer arabischer Länder, die den Irak und Palästina unterstützen. Das Problem ist nicht mehr länger ein rein irakisches Problem. Es betrifft die gesamte arabische Nation von Tanger bis nach Bagdad. Wir haben ein gemeinsames Schicksal, und es ist mit Märtyrerblut geschrieben.
 
Frage: Nordkorea verkündete, dass es ein Atomwaffenprogramm unterhält. Dennoch wollen die USA nur gegen den Irak vorgehen, der nach eigenen Angaben über keine Massenvernichtungswaffen verfügt. Wie beurteilen Sie das?
 
Hussein: Um es kurz zu machen: Nordkorea verfügt nicht über Ölvorkommen, es ist kein Feind Israels, und es liegt geographisch nicht in der Nähe Israels.
 
Frage: Kuwait nennt als Bedingung für eine Aussöhnung die Freilassung aller kuwaitischen Gefangenen. Haben Sie noch Kuwaiter in Ihren Gefängnissen?
 
Hussein: Wie Sie wissen, habe ich erlassen, dass alle Häftlinge, politische wie Strafgefangene, Araber wie Iraker, freigelassen werden. Ausgenommen sind nur die Spione, die für Israel und die USA arbeiteten. Wir entließen sogar Mörder, unter der Bedingung, dass sich die Familien der Täter und die Familien der Opfer darauf einigen. Die irakischen Gefängnisse sind die einzigen auf der Welt und in der Geschichte ohne Insassen.
 
Frage: ... und die Gefängniswärter müssen sich neue Jobs suchen?
 
Hussein: Wir werden die Gefängnisse in Waisenheime umwandeln, für die Opfer der täglichen amerikanischen Raketenangriffe auf den Norden und den Süden unseres Landes sowie auf Vororte Bagdads. Die Welt sieht diesen Angriffen gleichgültig zu.
 
Frage: Sie wurden in einem Referendum für weitere sieben Jahre im Amt bestätigt. Was bedeuten die 100 Prozent Zustimmung, die Sie erhielten?
 
Hussein: Sie haben eine große Bedeutung. Sie besagen, dass ich meinem Volk gegenüber Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit walten lasse.
 
Frage: Ist es nicht Zeit, sich mit den kurdischen Brüdern im Norden Ihres Landes zu versöhnen?
 
Hussein: Der Irak gab ihnen, was ihnen niemand anderes gab, nämlich Autonomie. Alles, was darüber hinausgeht, würde auf eine Spaltung hinauslaufen. Das lehnen wir ab und ebenso alle klugen Menschen unter unseren kurdischen Brüdern.
 
 
Die WELT brachte dann noch einen Original-Link zum kompletten Interview-Text ( www.memri.org/bin/latestnews.cgi?ID=SD43702), in dem sich aber auch nicht mehr Infomaterial befand.