Jugend und Politik

von Sascha Pankratz


Einleitung

Artikelübersicht 1991

Artikelübersicht 2001

Tendenzen

Abschluß und Wertung


I. Einleitung


Wir wollen in dem nachfolgenden Bericht versuchen zusammenzufassen, welche Rolle Politik von Jugendlichen, einbezogen auch die außerparlamentarische Politik, im heimischen Raum spielt. Als Grundlage unserer Untersuchungen diente ausschließlich die zur Lahn-Dill-Zeitungsgruppe gehörende Wetzlarer Neue Zeitung WNZ.
Da wir im Zuge unserer Recherche festgestellt haben, das Politik von Jugendlichen im lokalen Raum minimal bzw. fast gar nicht vertreten ist, waren wir gefordert den Rahmen unseres Projektes auszuweiten. Unsere Arbeitsgruppe recherchierte daher vergleichbare Ereignisse bzw. Aktionen die von Jugendlichen bundesweit initiiert oder unterstützt wurden. Aufgrund der technischen Gegebenheiten hat sich unsere Arbeitsgruppe entschieden die Jahre 1991 und 2000 genauer zu untersuchen, zu vergleichen und auszuwerten. Das Spektrum der politischen Aktionen oder Ereignissen, zu denen die Jugendlichen aktiv Stellung bezogen haben, reicht von internationalen Krisen, Kriegen, Parteipolitik, Umwelt (speziell Atompolitik) und Ausländerfeindlichkeit, die von unserem Team im nachfolgendem Bericht explizit ausgewertet wurden. Die exemplarisch in Frage kommenden Artikel wurden nach Gesichtspunkten wie Überschrift, Umfang und einer eventuell subjektiven Stellungnahme des Autors untersucht. Exakte Angaben von Quellen und auch die Artikel selbst sind dem Anhang beigefügt.

II. Artikelübersicht 1991


Friedensdemonstration statt Unterricht, dagegen protestierte ein Schöffengrunder Vater

In dem fünfspaltigen Artikel mit ca. 80 Zeilen befasst man sich mit der Kritik eines Vaters an der erzwungenen Teilnahme aller Schüler an einer Friedensdemonstration die auch politische Inhalte vermittelte. Es handelte sich der Vollständigkeit halber erwähnt um den Golfkrieg, in dem die USA und ihre Verbündeten gegen den in Kuwait einmarschierten Irak kämpften. Die Veranstaltung , die während der Unterrichtszeit stattfand, sei moralisch nicht zu verantworten, da Kinder für politische Zwecke eingespannt würden; so die Meinung des Vaters. Als Einführung wird ein Zitat genannt, welches seine Auffassung genauer wiederspiegelt. Zu lesen im Anhang. Der Bericht entbehrt jeglicher Wertung durch Redakteure und beschränkt sich darauf, verschiedene Meinungen wiederzugeben. Wir billigten der Publikation deswegen ein hohes Maß an Objektivität zu.


Hunderte Menschen folgten dem Aufruf zur Mahnwache

Der Zweispalter mit 30 Zeilen und einem Bild beschreibt die Zusammenkunft von Menschen zu einer Mahnwache im Zuge der Anti-Golfkrieg-Bewegung am einem zentralen Wetzlarer Platz. Die zum überwiegenden Teil bürgerlichen Teilnehmer wurden an einem Stand mit Informationen versorgt und ein Sprecher richtete einige Appelle an sie. Der Artikel enthielt nur Informationen, jedoch werden einige Adjektive gebraucht, welche die Meinung der Verfassers spiegeln könnten. Deshalb stuften wir den Artikel als recht objektiv ein.


Junge Union in Kassel ficht die hessischen Landtagswahlen an

Der zweispaltige Artikel setzt sich in 40 Zeilen mit dem Vorhaben der Jungen Union auseinander, die Landtagswahl in Hessen aufgrund des Versuches von Studenten „Wähler bei ihrer Stimmabgabe zu beeinflussen“ anzufechten. In einem der wenigen Artikel, die von Aktionen berichten, die den jungen Ablegern der großen Parteien entsprangen, werden auch vermeintliche Verstöße gegen die hessischen Wahlgesetze gemeldet. Diese Informationen gibt der Autor in einem wertungsfreien Konjunktiv ab. Auch der letzte Absatz, der ein vergleichbares Ereignis in der Wetterau dokumentiert ist objektiv und informativ. Insgesamt werten wir diesen Artikel als objektiv.


Fasten für den Atomteststop

Der 27 zeilige Bericht kündigt die Teilnahme einer Anti-Atomtestgruppe an einer internationalen Fastenaktion an. Die Strukturen der heimischen GAW (Gewaltfreie Aktion Wetzlar) werden nicht beleuchtet, wohl aber die groben Zielsetzungen der gesamten Bewegung. Die Problematik der Durchsetzung wird kurz auf den Punkt gebracht und die Chance zur Mitbeteiligung wird durch Abdrucken der Aktionszeiten und Datum geboten.
Insgesamt ein objektiver Bericht in dem der Rahmen für Meinungsäusserung von vorne herein eng war.


NPD für Abzug an der Golffront

17 Zeilen ohne Subjektivität seitens des Autors geben Forderungen und Zitate eines aktiven Mitglieds der NPD wieder. Es wird u. a. eine Stadtpartnerschaft zwischen Frankfurt und Bagdads gefordert, das die "U.S. Besatzer aus Deutschland abziehen" sollen und das Solidarität bekundet werden wolle mit der Zivilbevölkerung im Irak. Zwar enthielt sich der Redakteur mit subjektivem Inhalt, möglich wäre es aber dennoch, das durch Weglassung von Fakten ein differenter Eindruck entsteht zu der wirklich gewünschten Aussage der NPD-Funktionärin. Das lässt sich so selbstverständlich nicht nachvollziehen, also lautet unser Urteil: Objektiv.

III. Artikelübersicht 2000


17 Jugendliche überfielen und schlugen iranischen Asylbewerber

In 55 Zeilen und 4 Spalten wird von drei Straftaten berichtet, die zeitgleich von Jugendlichen, die der rechten Szene zuzuordnen sind, begangen worden sind. Im Verlauf des Artikels wird außer dem tätlichen Angriff auf einen Iraner auch über die Entweihung einer Synagoge sowie die Verunstaltung mehrerer öffentlicher Gebäude mit verbotenen NS-Symbolen und einschlägigen Parolen berichtet. Abschliessend sind wir der Meinung, dass wertungsfrei Informationen an den Leser vermittelt werden sollten. Im Gegensatz zu vielen anderen Berichten dieser Zeitung wird auf Meinung, die eine eigene Stellungnahme darstellt, verzichtet. Wir sagen deswegen: äußerst Objektiv.


Neonazi-Treff bleibt weiter offen


Dieser Artikel in 54 Zeilen berichtet von dem Versuch einer norddeutschen Stadt ein einschlägig bekanntes Rechtsextremen-Treff zu schliessen. Mittels eines verfügten Sofortvollzugs planten die Stadtabgeordneten, der vier Jahre bestehenden Gaststätte die Lizens zu entziehen. Gerichtlich blieb dieses Vorhaben vorerst ohne Erfolg, da die Richter keine Hinweise auf strafrechtlich relevante Vorfälle fanden und das Gaststättenrecht auch nicht im Zuge der bundesweiten Diskussion zum Thema Rechtsextremismus zu der Bekämpfung rechtsausgerichteter Aktivitäten genutzt werden könne. Aufgrund der Wortwahl und der formulierten Phrasen stellt dieser Artikel ein Paradebeispiel an subjektiver Meinungsmache dar, welche unserer Ansicht nach nichts mit seriöser Berichterstattung zu tun haben darf. Deswegen bescheinigen wir diesem Artikel keine Objektivität mehr.


Grosses Polizeiaufgebot bei Demonstration

Der Artikel, der mit 32 Zeilen eine Demonstration in Berlin beschreibt, stellt die verhältnismäßige Planungsfähigkeit der Polizeikräfte in Berlin in Frage. Die Demonstration, initiiert von linksextremistischen Gruppen mit überwiegend jugendlichen Teilnehmern lief gewaltfrei ab, rief jedoch doppelt so viele Polizisten wie Demonstranten auf den Plan. Dieses wurde von den städtischen Oppositionspartei gegen den Innenminister verwandt. Unser Team konnte keine Hinweise darauf finden, dass journalistisch irrelevante Inhalte eingebracht wurden. Aufgrund dessen befinden wir diesen Beitrag für Objektiv.

NPD-Verbotsantrag in wenigen Tagen

Ein Bericht mit 2 Spalten und 58 Zeilen sollden Antrag der Bundesregierung auf das Verbot der Partei NPD beleuchten. Die kritisierende Aussage der Opposition, damals die CDU, wurde wiedergegeben, wobei die Regierung beschuldigt wird, ohne Verdeutlichung des eigenen Standpunktes, konform mit den anderen Verfassungsorganen gehen zu wollen. Das Hauptargument der NPD-Gegner , das ein Verbot legitimieren sollte, sind Parolen und Aussagen der jungen Nationaldemokraten, die als Volksverhetzung gewertet werden könnten.
Die jungen Nationaldemokraten bilden auch die Basis der Partei und sind als Verfechter der außerparlamentarischen Ideologie der NPD anzusehen. Wieder wurde unserem Team die Aufgabe gestellt, zu entscheiden inwieweit man subjektive Berichterstattung ausschliesslich an der verwendeten Wortwahl festmachen kann. Das wörtliche Wiedergeben der Zitate von jungen NPD-Mitgliedern wäre nicht notwendig gewesen um ein Verbotsantrag der Partei zu begründen. Obwohl wir keine meinungswiedergebende Wortwahl feststellen konnten, erweckt dieser Beitrag bei uns nur einen recht objektiven Eindruck.


IV. Tendenzen

Eindeutig war festzustellen, das die Vielfalt der Themen jugendlicher Politik, über die berichtet wurde, weniger breit gefächert war. Die jungen Ableger der etablierten Parteien kamen in unserem Bearbeitungszeitraum überhaupt nicht zu Wort. Da wir uns nicht vorstellen können, das diese Gruppierungen in der Zeit inaktiv waren, kommen wir zu dem Schluss, das gewährte Medienpräsenz auch abhängig ist von gewissen politischen Modeerscheinungen. Um das mit Fakten zu belegen wollen wir den Sommer des Jahres 2000 wieder in das Gedächtnis rufen. Rechtsextremismus wurde ein immer wiederkehrendes Thema, das zahlreichen Titelseiten füllte, obwohl keine statistische Zunahme rechter Gewalt zu verzeichnen war. Und obwohl Rechtsextremismus und seine Folgen fast schon traditionsgemäß mit außerparlamentarischer Politik in Verbindung gebracht wurden, haben großen Parteinen diese Thematik in diesem Zeitraum instrumentalisiert. Das führte dazu, dass die ohnehin geringe Medienpräsenz von politisch aktiven Jugendlichen weiter geschmälert wurde und großen Parteien noch mehr Beachtung geschenkt wurde. Obwohl es möglich wäre das Aufgrund unserer eigenen Einschränkungen bei der Recherche nicht alle Berichte den weg in unsere Redaktion fanden, sind wir zu der Auffassung gekommen, das Jugendliche sich politisch immer mehr zurückhalten. Ob der Grund dafür die immer unattraktiver wirkenden Aktionsformen sind oder ein generelles Nachlassen des Interesses in Politik konnten wir nicht nachvollziehen.
Wir haben unsere Untersuchen Stichprobenartig auch auf andere Zeiträume erweitert und sind zu dem Schluss gekommen, dass gewisse Verhaltensmuster auf Ereignisse immer wiederkommen und auch ähnlich in den Medien wiedergegeben werden. Als Beispiel führen wir an dieser Stelle die Berichterstattung über den Golfkrieg und das Attentat 2001 auf die Hochhäuser in New York, USA an. Die Krise, die daraus resultierte, wird in den Medien ähnlich behandelt, auch die Aktionsformen der jugendlichen ähneln sich sehr. Es scheint als ob eine internationale Krise wie ein, nach festen Richtlinien verlaufendes, Medienphänomen behandelt werden kann.
Auch nach gründlicher Recherche sind wir nicht in der Lage, ein vollständiges Bild über Politik und Jugend zu vermitteln, da die Berichterstattung von vielen Faktoren abhängig ist. Leider sind der wichtigste Faktoren nicht die tatsächlichen Ereignisse, sondern gewisse bundesweite printmediale Tendenzen, denen sich die WNZ nicht zu entziehen vermag.
Auch müssen wir als aufgeklärte Bürger die Tatsache akzeptieren, das rechte Gewalt ein Ausdruck von außerparlamentarischer Meinungsäußerung ist. So fehlgeleitet uns das auch erscheint ist das eine destruktive Ausdrucksform von Politik, mit der man sich beschäftigen muss. Nur sollte das nicht im Zuge einer parteipolitischen Modewelle geschehen, sondern konsequent und nachvollziehbar den Gesetzen und Richtlinien der BRD entsprechend, diesen Tendenzen entgegenwirken.
Wir möchten an dieser Stelle noch einige Methoden beleuchten, die unserem Bewertungsschema zugrunde liegen. Da wir in unseren Möglichkeiten selbstverständlich eingeschränkt wurden durch die Informationen die unser Medium WNZ uns zur vefügung stellte, debatierten wir die Qualität der Beiträge auf das kritischste. Da wir uns seit einem überschaubarem Zeitraum mit außerparlamentarischer Politik beschäftigen, haben wir Informationskanäle, die uns einiges mehr an Neuigkeiten vermitteln konnten, als die Zeitung es vermochte. Die Art und weise der Auswahl, welche Ereignisse der Öffentlichkeit mitgeteilt wurden, empfanden wir es als notwendig, verschiedene Möglichkeiten aufzudecken, die zu einer Verfälschung der Eindrücke führen können. Die offensichtlichste Methode ist natürlich eigene Redewendungen zu verwenden, die mit dem vermitteltem Inhalt eine bestimmt Richtung geben sollen. Als positiv ist zu vermerken, das wir solch eine Form der Beeinflussung nicht feststellen konnten. Aber andere Techniken wie bewusste Verwendung von Zitaten, die dem Sachverhalt nicht dienlich sind oder das geziehlte Einsetzen von Adjektiven, die den eigenen Standpunkt verdeutlichen sollen wurden zuweilen verwandt. Auffallend war, das sich solcher Technik bedient wurde, wenn der Druck der Öffentlichkeit eine eindeutige Stellungnahme verlangte.
Abschließend möchten wir noch einmal erwähnen, das Politik von Jugendlichen 1991 insgesamt in der WNZ mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde als im Jahre 2000.


V. Abschluss und Wertung

Die in unseren Augen größte Gefahr ist, dass sich das Desinteresse Jugendlicher an Politik noch ausweitet und die Initiativen, die schon immer ein Anlaufbecken politisch interessierter Jugendlicher darstellten, an Anziehungskraft verlieren. Die Rolle der Medien muss dabei kritisch hinterfragt werden, da sie durch nicht vorhandenen Berichte über Aktivitäten junger Partizipanten der Politik das Interesse der Jugendlichen nicht fördert. Die Printmedien müssen sich über ihre Rolle in dem Prozess der Entwicklung von Jugendlichen zu vollständigen Teilnehmern am politischen Geschehnen im Klaren sein. Dieses gilt es aus pädagogischen Gründen zu fördern. Das erfordert die Übernahme einer Rolle, welche die Zeitungen übernehmen müssen, weit ab dem bundesweitem Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Verlagsgruppen. Der Trend zu leichtverständlichen Infomationshäppchen, gepaart mit vorgefertigten Meinungsspiegelungen reduziert den Anspruch des durchschnittlichen Teilnehmers der Medienlandschaft auf das pure Konsumieren von Meinung und Image. Und obwohl die Berichterstattung im Normalfall nicht unseren Idealvorstellungen von objektivem Journalismus entsprach, bescheinigen wir der WNZ ein recht hohes Maß an Objektivität zu. Bemerkenswert ist trotz alledem, dass die Fähigkeit zu differenzieren gefragt ist wie noch nie, denn die Medienvielfalt verursacht bei dem durchschnittlichen Jugendlichen eine Unsicherheit betreffend seiner Urteilsfertigkeit.. Abschließend möchten wir uns bedanken für die kooperative Zusammenarbeit mit dem Wetzlarer Stadtarchiv durch die unsere Untersuchungen erst realisiert werden konnten. Entgegen der Versprechen der WNZ erhielten wir erst die erforderliche Unterstützung, nachdem wir uns an eine immerhin von der WNZ empfohlene Stelle wandten, die Informationen auch kostenfrei weitergaben.